In seiner vielgelobten Kurzgeschichtensammlung Drown schreibt der diesjährige Pulitzer-Prize-Gewinner Junot Diaz über verschiedene Aspekte des Lebens junger dominikanischer Einwanderer. Wieder so berechenbare Einwanderergeschichten? Nein! Das besondere an Diaz ist die Stimme seiner Protagonisten, insbesondere die Yuniors, der die meisten erzählt: schnell, direkt, straßennah und gleichzeitig erzählerisch ungeheuer raffiniert. „How to Date…“ ist genau das, was der Titel verspricht – eine Anleitung zum erfolgreichen Mädchenanbaggern, unter Berücksichtigung der verschiedenen ethnischen Besonderheiten. Hier zeigt sich Yunior als vordergründig selbstsicherer Macho, der bei näherer Betrachtung aber wohl doch nicht ganz so viel Erfolg mit Frauen hat, wie seine großmäulige Expertise zuerst glauben macht.
Online findet man diese raffinierte und witzige short story als Podcast beim New Yorker, gelesen vom Autor selbst und mit einer Besprechung durch seine illustre Kollegin Edwidge Danticat. Ich habe sie der Klasse auch zuerst als Hörverstehensaufgabe vorgestellt – sie haben zum Teil verlegen gekichert (soviel Machismo ist doch ungewohnt), laut gelacht, mit den Augen gerollt, im Nachhinein aber einstimmig die Stimme des Autors als unangenehm empfunden. Ich würde es trotzdem wieder tun.
Als Einstieg gab ich den Schülern die Aufgabe, „How To“s über ihnen bekannte Lebensbereiche (Spicken, Küssen, Sommerferien überleben) zu schreiben, was sehr gut ankam und schöne Resultate erzielte. Die Geschichte selbst wurde von meinem Leistungskurs mühelos verstanden (bis auf ein paar obskure Anspielungen wie Government Cheese), also konnten wir gleich zur Besprechung der Erzählperspektive übergehen und über Yuniors Erfolg bei den Frauen diskutieren.
Ich kann diese short story sehr empfehlen, weil sie kurz, erfrischend, ungewöhnlich und gleichzeitig ergiebig ist. Ein Kommentar eines eindeutig nicht dominikanischen Schülers: „das ist ja so wahr!“
Wer sich nicht gleich das ganze Buch kaufen will, aber die Geschichte gut findet, kann sich ja mal vertrauensvoll an mich wenden. Eine weitere short story aus Drown habe ich hier ausführlicher besprochen.
Sprachlich ist die Geschichte durchaus auch mal für eine Mittelstufe geeignet, aber von der Reife her haben Ältere m.E. mehr davon.
Sabine Hagenauer (vorname.nachname@gmail.com)
Tags: immigration, love, Oberstufe, short story
