The Collector

…von John Fowles zählt zu den „modernen Klassikern“ der britischen Literatur. Obwohl 1963 erschienen, ist das Thema zeitlos-aktuell: Was geschieht, wenn jemand versucht, Liebe zu erzwingen?

Der Roman (Amazon) besteht aus den Tagebucheinträgen der Protagonisten – denen des Täters, Frederick, Schmetterlingssammler aus sehr beengten, kleinbürgerlichen Verhältnissen, und denen des Opfers, Miranda, eine romantisch-intellektuelle Kunststudentin. Frederick verliebt sich in Miranda, ist aber überzeugt davon, dass sie nichts von ihm wissen wollen würde. Deshalb entführt er sie und sperrt sie in einen lichtlosen Keller ein. Zwischen den beiden beginnt ein zermürbendes Katz-und-Maus-Spiel, das Ende ist bitter.

Der Roman besticht durch die faszinierenden Charaktere und seine dichte Atmosphäre – er gehört zu den „unputdownable books“, was sogar meine Elftklässler fanden. Die differenzierte Schilderung der Charaktere ist sehr überzeugend, die Figuren sind beide ambivalent, sodass sich genügend Stoff für Diskussionen über die psychologischen und soziokulturellen Gründe der Tat ergibt. Parallelen zu Natascha Kampbusch sind unvermeidlich, das Buch spielte jedoch auch bei anderen Entführungsfällen eine Rolle; hier lassen sich interessante Rechercheaufträge geben. Die großen Fragen im Hintergrund sind ebenfalls für jugendliche Leser relevant: Was ist Liebe, was Besitzgier, was Leidenschaft, wo ist die Grenze zum Stalking? Was bedeutet Freiheit? Welche Funktion hat Kunst? Welche Formen der Machtausübung über einen anderen Menschen sind legitim, welche nicht?

Sprachlich fand ich den Roman besonders für den Unterricht geeignet, weil das erste Drittel aus Fredericks Tagebucheinträgen besteht, die sprachlich sehr schlicht und für Elftklässler problemlos lesbar sind. Sie erlauben aber auch eine intensive Analyse eines „unreliable narrator“, denn die Zeilen vibrieren vor unterdrückten bzw. geleugneten Emotionen, Andeutungen und Rechtfertigungen. Der zweite Teil, Mirandas Tagebuch, ist sprachlich deutlich anspruchsvoller; der Sog der Geschichte hilft den Schülern jedoch meist über diese Schwierigkeiten hinweg und der Kontrast der Schreibstile bietet sich für weitere Analysen an.

Es gibt englische Studyguides, deutsche Unterrichtsmaterialien meines Wissens nicht. Die Verfilmung ist nicht zu empfehlen. Dieser Roman wurde mehrmals in einer 11 von einem Teil der Schüler in Gruppenarbeit gelesen. Leitfragen und Projektvorschläge gerne bei Eva Vieth.

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Ein Gedanke zu “The Collector

  1. Oh, das muss ich mal wieder lesen. Ebenfalls leicht zu lesen, ähnliches Thema, unreliable narrator, fingernägelschädigende Spannung: „Room“ von Emma Donoghue.

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